Gestern war so ein Tag, da hätte ich lieber im Bett bleiben sollen…
Teil 1
24 h RTW auf meinem „Stamm-“RTW. Fing alles ruhig an, bisl mit der Vorschicht gequatsch, dann in Ruhe das Auto gecheckt und ab zum Bäcker. Zwei süße Brötchen und einen Donut später piepst es zum ersten Notfalleinsatz. „Kindernotfall – Notfall2″. Die 3 gedrückt und mit Sonderrechten in eine Nachbarstadt. Nach 6 Minuten Fahrt sind wir an der Einsatzstelle angekommen, 4 gedrückt, Handschuhe an. Ich schnappe mir den Sauerstoff und die Kindertasche, mein Kollege nimmt den Rucksack und will den Corpuls3 rausnehmen. Der jedoch zeigt sich widerspenstig und klemmt fest. „Geh schonmal vor, das kann was dauern…“
Also gehe ich zu einem jungen Mann, der apathisch an der Haustüre steht (Hochhaus). „Sind wir hier richtig?“ Ja, sagt er, und schickt mich in den zweiten Stock, die Türe sei offen… Ich bitte ihn noch unten zu warten bis mein Kollege und der Notarzt kommen. Ca. 20 Treppenstufen später erreiche ich die Wohnung, ich stoße die Türe auf. Vor mir steht eine junge Frau um die 20. Sie weint, ihre Schultern hängen. „Rettungsdienst, guten Tag, Krankenhausblogger mein Name, worum geht´s denn?“ Sie zeigt auf die Türe links neben mir. „Sie bewegt sich nicht mehr“. Meine Alarmglocken gehen los… Ich öffne die Türe und betrete das Zimmer. Es ist stickig, riecht nach Zigarettenqualm und Schweiß. Die Wohnung ist verwahrlost. Ich sehe neben mir ein Kinderbett. In ihm liegt ein toter Säugling. Mir rutscht ein „Ach du Scheisse“ raus… Das Angelika nicht mehr lebt, sehe ich sofort. Dunkle, aschgraue/braune Haut, weisse Finger, zu einer Faust geformt, Livores (Totenflecke) an der der Matraze zugewandten Handfläche, halboffene Augen, den Kopf zur Seite geneigt. Ich stelle mein Equipment zur Seite, ich werde es nicht brauchen. Ich lege meine Finger auf die Brust, versuche Atemexkursionen der Brust zu fühlen und zu sehen. Ich weiss, dass da keine kommen werden. Ich versuche Angelikas Unterkiefer zu bewegen. Es geht nicht. Rigor mortis (Totenstarre).
Die Mutter fängt leise an zu weinen, guckt mich an, ihr Mund öffnet sich zu einer Frage. Wo zum Teufel bleibt mein Kollege?!?! Ich bin erst 30 Sekunden in der Wohnung. Sie schreit: „Warum tun sie denn nichts? Warum bewegt sich mein Kind nicht?“ -Schluchzen-. Ich schaue der Mutter in die Augen. Ich will es nicht sagen. Ich habe soetwas noch nie gemacht.
„Frau Schmitz, es tut mir sehr leid….“ -Sie fängt an zu schreien- „…aber ich kann für ihr Kind nichts mehr tun… es ist tot.“ Schreie, Weinkrämpfe, im Nebenzimmer fängt die Schwiegermutter an zu schreien. WO BLEIBT MEIN KOLLEGE???? Die Türe geht auf. Sein Blick „was ist denn hier los“. Ich schüttel nur den Kopf. Zeitgleich trifft der Notarzt ein. Ich mache eine kurze Übergabe. Tobias (der Notarzt) schickt alle raus, wir sollen nix mehr berühren, „wegen der Spurensicherung“. Der NEF Fahrer verständigt die Polizei und die KriPo. Ein Notfallseelsorger wird gerufen. Der Vater läuft anteilnahmslos durch die Wohnung, dann setzt er sich, will eine Zigarette drehen, dann bricht er in Weinkrämpfe aus. Steht wieder auf und läuft umher. Irgendwie sind nur noch Tobias und ich da. Die Kollegen haben sich nach unten verdrückt. Ich will Tobias nicht alleine lassen. Ich will hier weg. Ich lege meinen Arm um die Schulter des Vaters. Vater ist er noch, ein 1 1/2 Jahres Kind haben sie noch. Es ist bei der Oma. Ich will trösten, Ausdruck der Anteilnahme… Ich glaube das es der Vater gar nicht bemerkt. Hilflosigkeit überall. Tobias erklärt der Familie, was nun passieren wird. Das sie ihr Kind nicht mehr berühren dürfen, das es von der Polizei mitgenommen wird. Und das das so Vorschrift sei. Die KriPo ist da, ich muss eine Aussage machen denn ich war der ersteintreffende/untersuchende Rettungsdienstmitarbeiter. Was hab ich gemacht, was hab ich berührt, was ist mir aufgefallen…
Ich will raus. Nur noch weg hier. Vor 20 Minuten stand ich beim Bäcker. Vor 10 Minuten habe ich einer Mutter sagen müssen, das ihr Kind tot ist. Angelika wurde drei Wochen und zwei Tage alt…
Teil Zwei
Die Stimmung ist im Arsch. Wir fahren schweigend zurück Richtung Wache… Mein Kollege fängt an zu reden. Wir reden uns das erlebte von der Seele. Das hilft ein wenig. Fassen können wir das ganze noch nicht. Für uns beide ist es der erste tote Säugling. Auf der Wache fragt uns der KTW, ob wir was interessantes gefahren hätten… Meine Brötchen fasse ich nicht an…
Ich rufe auf der LST an, gebe die Personalien durch, erledige den Papierkram. „Tod am Unfallort/Exitus“ kreuze ich an. Ich hasse diese Stelle im Protokoll…
Eine Stunde später piepst es wieder. Es ist makaber, aber ich freue mich, einen Einsatz disponiert bekommen zu haben. Das ist Ablenkung. Wie böse ich daneben liegen sollte, konnte ich da noch nicht ahnen…
„Respiratorische Insuffizienz bei Herr Müller; Notfall2″. Uns zugeteilt ist das selbe NEF wie vorhin. Tobias ist einer der erfahrensten Notärzte. Lange Erfahrung in der Präklinik, unter anderem auch auf dem Hubschrauber… Das sollte sich heute Auszahlen.
Ich kenne die Straße, auf Uschi (unser Navi), höre ich gar nicht. Als wir an der Einsatzstelle ankommen, erkenne ich das Haus wieder. Bei dem Patienten war ich vor 11 Monaten schon mal (habe später in meinen Unterlagen nachgeschaut). Herr Müller hat eine bekannte COPD (chronische Lungenerkrankung) wegen der er bzw. seine Frau schon öfters die 112 angerufen haben. Er sitzt massiv luftnötig auf der Bettkante im engen Schlafzimmer. Da das NEF noch nicht da ist, beginnen wir mit der Anamnese und der Erstversorgung. Bei einer schlechten Sättigung (SO2 84%) geben wir 6l Sauerstoff über eine Maske mit Reservoir. Der Pat. beklagt sich über krampf/kolikartige Schmerzen im Epigastrium (Magenbereich). Tobias und sein Kollege treffen ein. Er legt eine Vygo und möchte Buscopan zum Krampflösen und Novalgin gegen die Schmerzen haben. Ich ziehe beides auf. Herr Müller beruhigt sich etwas. Da wir genug Mann sind, gehe ich dann raus und bereite den Transport vor. RTW nochmal umparken, Trage vor der Haustür positionieren. Dann schnappe ich mir das Tragetuch und betrete wieder die Wohnung. Als ich im Schlafzimmer angekommen bin, schaffen es meine Synapsen nicht sofort, die Situation zu realisieren. Herr Müller liegt blitzeblau und bewusstlos im Bett, Tobias kniet hinter ihm und beatmet ihn mit dem Ambu-Beutel. Mein Kollege bereitet die Intubation vor, der NEF Fahrer legt RR-Manschette und EKG an. Ich brauche ein paar Sekunden und stelle dann die dümmsts Frage, die man stellen kann: „Was macht IHR denn da, ich war doch nur 2 Minuten weg!?!?“
Tobias nuschelt was von „Atemstillstand“ und „Scheissetag“. Ich stürze mich ins Getümmel bzw. direkt wieder raus. Absaugpumpe holen. Dann schnappe ich mir die Medikamententasche und ziehe Trapanal zur Narkoseeinleitung auf, dazu Vecuronium zur Muskelrelaxierung. Bronchospasmin ebenso und auch prophylaktisch Adrenalin 1:10 verdünnt. Die Vitalwerte liefern augenscheinlich akzeptable Werte: RR 120/70, Puls ~60, SO2 80% [okay, das schlecht...]). Ich assisitere bei der Intubation, übernehme anschließend die Beatmung und taste nach einem Carotispuls (Halsschlagader). Ich fühle nix, peripher und in der Leiste sind ebenfalls keine Pulse zu spüren. Kreislaufstillstand. Tobias wiederholt sein „Scheisstag“ und übernimmt die Beatmung wieder. Ich beginne mit der Herzdruckmassage. Knack. Die ersten knorpeligen Verbindungen zwischen Brustbein und Rippen brechen. Aber das Bett federt zu sehr. Es wird ein Brett besorgt (Fragt bitte nicht wie….). Jetzt lässt es sich besser drücken. Die erste Rhythmusanalyse zeigt eine EME (Elektromechanische Entkopplung), d.h., dass das Herz zwar eine elektrische Aktivität hat (sieht man im EKG), aber keinen Blutauswurf produzieren kann (fehlende Pulse). Also gibt es Adrenalin (ihr erinnert euch, hatte ich aufgezogen, irgendwie wusste ich es… Scheisstag halt) und zur Vagolyse 6 Ampullen Atropin (3mg). Mein Kollege schließt den Respirator an, stellt die pMax (maximaler Beatmungsdruck) auf 45 ein. Die Lunge ist immer noch massiv spastisch. Das CO2 zeigt eine grottenschlechte 58.
Ich frage unseren Notarzt, ob ich zur Ehefrau gehen soll und sie informieren soll, was wir hier grade tun. Er meint, dass das mehr als fair wäre, sie wartet schon lange genug in Unwissenheit. Eigentlich will ich gar nicht, aber ich würde als Angehörige auch ein Recht auf Gewissheit haben. Also bitte ich Frau Müller im Wohnzimmer Platz zu nehmen. Sie schaut mich mit dem selben Gesichtsausdruck an, den ich heute schonmal gesehen habe, da war das Gesicht aber 50 Jahre jünger…
„Frau Müller, wie meine Kollegen mir gesagt haben, haben sie ja vorhin gesehen, wie ihr Mann das Bewusstsein verloren hat. Wir tun unser Bestes um ihrem Ehemann zu helfen aber leider hat er das Bewusstsein nicht wiedererlangt… “ -schluchzen, „Ist er tot?“- „…Frau Müller, ihr Mann hat einen Herzstillstand. Wir versuchen im Moment mit Medikamenten und einer künstlichen Beatmung den Kreislauf wieder herzustellen, jedoch sieht es sehr sehr ernst aus.“ Weinkrämpfe… „Haben sie vll. Nachbarn oder Freunde/Familie, die sie erreichen könnten, damit sie jetzt nicht alleine sind?“ Es kommen mehrere Nachbarn…
Nach zwanzig Minuten ohne zeichen eines Spontankreislaufs entschließt sich Tobias zur Ultima ratio (letzten Lösung): Rescue-Lyse. Er vermutet eine Lungenembolie. 1400€ in Form von 10 ml eines Medikaments, dass Blutgerinsel auflöst, appliziert der NEF Fahrer durch den venösen Zugang. Wir reanimieren im Wechsel noch eine knappe Stunde, dann ist auch Herr Müller tot.
Tobias verlässt das Schlafzimmer um es Frau Müller zu sagen. Nach 10 Sekunden höre ich die Schreie, die ich sowohl heute schonmal gehört habe, als auch schon in vergangenen Einsätzen. Schweigend räumen wir zusammen. Ziehen Herr Müller die zerschnittenen Klamotten aus. Decken ihn zu. Ich überlege, dass Gesicht zu bedecken. Die Gesichtszüge sind wie eingebrannt… der Todeskampf um die letzten Atemzüge sind ihm anzusehen, das Gesicht mehr schwarz als blau. Ich will hier weg…
Totenschein Nummer zwei wird ausgefüllt. Beileidsbekundigungen ausgesprochen. Nachbarn trösten die Witwe, weinen selber. Der Schock und die Traurigkeit, Fassungslosigkeit, Ohnmacht sind greifbar. Ich will hier weg…
Draussen erfahre ich von Tobias, dass als ich rausging um die Trage fertig zu machen, Herr Müller nach seiner Frau rief. Sie kam und er sagte ihr mit seinen letzten Atemzügen: „Ich liebe dich. Mach´s gut…“
Ich habe Tränen in den Augen… Tobias murmelt etwas, was sich anhört wie „Scheisstag“.