„Scheisstag“

Februar 24, 2009

Gestern war so ein Tag, da hätte ich lieber im Bett bleiben sollen…

Teil 1

24 h RTW auf meinem „Stamm-“RTW. Fing alles ruhig an, bisl mit der Vorschicht gequatsch, dann in Ruhe das Auto gecheckt und ab zum Bäcker. Zwei süße Brötchen und einen Donut später piepst es zum ersten Notfalleinsatz. „Kindernotfall – Notfall2″. Die 3 gedrückt und mit Sonderrechten in eine Nachbarstadt. Nach 6 Minuten Fahrt sind wir an der Einsatzstelle angekommen, 4 gedrückt, Handschuhe an. Ich schnappe mir den Sauerstoff und die Kindertasche, mein Kollege nimmt den Rucksack und will den Corpuls3 rausnehmen. Der jedoch zeigt sich widerspenstig und klemmt fest. „Geh schonmal vor, das kann was dauern…“

Also gehe ich zu einem jungen Mann, der apathisch an der Haustüre steht (Hochhaus). „Sind wir hier richtig?“ Ja, sagt er, und schickt mich in den zweiten Stock, die Türe sei offen… Ich bitte ihn noch unten zu warten bis mein Kollege und der Notarzt kommen. Ca. 20 Treppenstufen später erreiche ich die Wohnung, ich stoße die Türe auf. Vor mir steht eine junge Frau um die 20. Sie weint, ihre Schultern hängen. „Rettungsdienst, guten Tag, Krankenhausblogger mein Name, worum geht´s denn?“ Sie zeigt auf die Türe links neben mir. „Sie bewegt sich nicht mehr“. Meine Alarmglocken gehen los… Ich öffne die Türe und betrete das Zimmer. Es ist stickig, riecht nach Zigarettenqualm und Schweiß. Die Wohnung ist verwahrlost. Ich sehe neben mir ein Kinderbett. In ihm liegt ein toter Säugling. Mir rutscht ein „Ach du Scheisse“ raus… Das Angelika nicht mehr lebt, sehe ich sofort. Dunkle, aschgraue/braune Haut, weisse Finger, zu einer Faust geformt, Livores (Totenflecke) an der der Matraze zugewandten Handfläche, halboffene Augen, den Kopf zur Seite geneigt. Ich stelle mein Equipment zur Seite, ich werde es nicht brauchen. Ich lege meine Finger auf die Brust, versuche Atemexkursionen der Brust zu fühlen und zu sehen. Ich weiss, dass da keine kommen werden. Ich versuche Angelikas Unterkiefer zu bewegen. Es geht nicht. Rigor mortis (Totenstarre).
Die Mutter fängt leise an zu weinen, guckt mich an, ihr Mund öffnet sich zu einer Frage. Wo zum Teufel bleibt mein Kollege?!?! Ich bin erst 30 Sekunden in der Wohnung. Sie schreit: „Warum tun sie denn nichts? Warum bewegt sich mein Kind nicht?“ -Schluchzen-. Ich schaue der Mutter in die Augen. Ich will es nicht sagen. Ich habe soetwas noch nie gemacht.
„Frau Schmitz, es tut mir sehr leid….“ -Sie fängt an zu schreien- „…aber ich kann für ihr Kind nichts mehr tun… es ist tot.“ Schreie, Weinkrämpfe, im Nebenzimmer fängt die Schwiegermutter an zu schreien. WO BLEIBT MEIN KOLLEGE???? Die Türe geht auf. Sein Blick „was ist denn hier los“. Ich schüttel nur den Kopf. Zeitgleich trifft der Notarzt ein. Ich mache eine kurze Übergabe. Tobias (der Notarzt) schickt alle raus, wir sollen nix mehr berühren, „wegen der Spurensicherung“. Der NEF Fahrer verständigt die Polizei und die KriPo. Ein Notfallseelsorger wird gerufen. Der Vater läuft anteilnahmslos durch die Wohnung, dann setzt er sich, will eine Zigarette drehen, dann bricht er in Weinkrämpfe aus. Steht wieder auf und läuft umher. Irgendwie sind nur noch Tobias und ich da. Die Kollegen haben sich nach unten verdrückt. Ich will Tobias nicht alleine lassen. Ich will hier weg.  Ich lege meinen Arm um die Schulter des Vaters. Vater ist er noch, ein 1 1/2 Jahres Kind haben sie noch. Es ist bei der Oma. Ich will trösten, Ausdruck der Anteilnahme… Ich glaube das es der Vater gar nicht bemerkt. Hilflosigkeit überall. Tobias erklärt der Familie, was nun passieren wird. Das sie ihr Kind nicht mehr berühren dürfen, das es von der Polizei mitgenommen wird. Und das das so Vorschrift sei. Die KriPo ist da, ich muss eine Aussage machen denn ich war der ersteintreffende/untersuchende Rettungsdienstmitarbeiter. Was hab ich gemacht, was hab ich berührt, was ist mir aufgefallen…

Ich will raus. Nur noch weg hier. Vor 20 Minuten stand ich beim Bäcker. Vor 10 Minuten habe ich einer Mutter sagen müssen, das ihr Kind tot ist. Angelika wurde drei Wochen und zwei Tage alt…

Teil Zwei

Die Stimmung ist im Arsch. Wir fahren schweigend zurück Richtung Wache… Mein Kollege fängt an zu reden. Wir reden uns das erlebte von der Seele. Das hilft ein wenig. Fassen können wir das ganze noch nicht. Für uns beide ist es der erste tote Säugling. Auf der Wache fragt uns der KTW, ob wir was interessantes gefahren hätten… Meine Brötchen fasse ich nicht an…

Ich rufe auf der LST an, gebe die Personalien durch, erledige den Papierkram. „Tod am Unfallort/Exitus“ kreuze ich an. Ich hasse diese Stelle im Protokoll…

Eine Stunde später piepst es wieder. Es ist makaber, aber ich freue mich, einen Einsatz disponiert bekommen zu haben. Das ist Ablenkung. Wie böse ich daneben liegen sollte, konnte ich da noch nicht ahnen…

„Respiratorische Insuffizienz bei Herr Müller; Notfall2″. Uns zugeteilt ist das selbe NEF wie vorhin. Tobias ist einer der erfahrensten Notärzte. Lange Erfahrung in der Präklinik, unter anderem auch auf dem Hubschrauber… Das sollte sich heute Auszahlen.
Ich kenne die Straße, auf Uschi (unser Navi), höre ich gar nicht. Als wir an der Einsatzstelle ankommen, erkenne ich das Haus wieder. Bei dem Patienten war ich vor 11 Monaten schon mal (habe später in meinen Unterlagen nachgeschaut). Herr Müller hat eine bekannte COPD (chronische Lungenerkrankung) wegen der er bzw. seine Frau schon öfters die 112 angerufen haben. Er sitzt massiv luftnötig auf der Bettkante im engen Schlafzimmer. Da das NEF noch nicht da ist, beginnen wir mit der Anamnese und der Erstversorgung. Bei einer schlechten Sättigung (SO2 84%) geben wir 6l Sauerstoff über eine Maske mit Reservoir. Der Pat. beklagt sich über krampf/kolikartige Schmerzen im Epigastrium (Magenbereich). Tobias und sein Kollege treffen ein. Er legt eine Vygo und möchte Buscopan zum Krampflösen und Novalgin gegen die Schmerzen haben. Ich ziehe beides auf. Herr Müller beruhigt sich etwas. Da wir genug Mann sind, gehe ich dann raus und bereite den Transport vor. RTW nochmal umparken, Trage vor der Haustür positionieren. Dann schnappe ich mir das Tragetuch und betrete wieder die Wohnung. Als ich im Schlafzimmer angekommen bin, schaffen es meine Synapsen nicht sofort, die Situation zu realisieren. Herr Müller liegt blitzeblau und bewusstlos im Bett, Tobias kniet hinter ihm und beatmet ihn mit dem Ambu-Beutel. Mein Kollege bereitet die Intubation vor, der NEF Fahrer legt RR-Manschette und EKG an. Ich brauche ein paar Sekunden und stelle dann die dümmsts Frage, die man stellen kann: „Was macht IHR denn da, ich war doch nur 2 Minuten weg!?!?“

Tobias nuschelt was von „Atemstillstand“ und „Scheissetag“. Ich stürze mich ins Getümmel bzw. direkt wieder raus. Absaugpumpe holen. Dann schnappe ich mir die Medikamententasche und ziehe Trapanal zur Narkoseeinleitung auf, dazu Vecuronium zur Muskelrelaxierung. Bronchospasmin ebenso und auch prophylaktisch Adrenalin 1:10 verdünnt. Die Vitalwerte liefern augenscheinlich akzeptable Werte: RR 120/70, Puls ~60, SO2 80% [okay, das schlecht...]). Ich assisitere bei der Intubation, übernehme anschließend die Beatmung und taste nach einem Carotispuls (Halsschlagader). Ich fühle nix, peripher und in der Leiste sind ebenfalls keine Pulse zu spüren. Kreislaufstillstand. Tobias wiederholt sein „Scheisstag“ und übernimmt die Beatmung wieder. Ich beginne mit der Herzdruckmassage. Knack. Die ersten knorpeligen Verbindungen zwischen Brustbein und Rippen brechen. Aber das Bett federt zu sehr. Es wird ein Brett besorgt (Fragt bitte nicht wie….). Jetzt lässt es sich besser drücken. Die erste Rhythmusanalyse zeigt eine EME (Elektromechanische Entkopplung), d.h., dass das Herz zwar eine elektrische Aktivität hat (sieht man im EKG), aber keinen Blutauswurf produzieren kann (fehlende Pulse). Also gibt es Adrenalin (ihr erinnert euch, hatte ich aufgezogen, irgendwie wusste ich es… Scheisstag halt) und zur Vagolyse 6 Ampullen Atropin (3mg). Mein Kollege schließt den Respirator an, stellt die pMax (maximaler Beatmungsdruck) auf 45 ein. Die Lunge ist immer noch massiv spastisch. Das CO2 zeigt eine grottenschlechte 58.
Ich frage unseren Notarzt, ob ich zur Ehefrau gehen soll und sie informieren soll, was wir hier grade tun. Er meint, dass das mehr als fair wäre, sie wartet schon lange genug in Unwissenheit. Eigentlich will ich gar nicht, aber ich würde als Angehörige auch ein Recht auf Gewissheit haben. Also bitte ich Frau Müller im Wohnzimmer Platz zu nehmen. Sie schaut mich mit dem selben Gesichtsausdruck an, den ich heute schonmal gesehen habe, da war das Gesicht aber 50 Jahre jünger…
„Frau Müller, wie meine Kollegen mir gesagt haben, haben sie ja vorhin gesehen, wie ihr Mann das Bewusstsein verloren hat. Wir tun unser Bestes um ihrem Ehemann zu helfen aber leider hat er das Bewusstsein nicht wiedererlangt… “ -schluchzen, „Ist er tot?“- „…Frau Müller, ihr Mann hat einen Herzstillstand. Wir versuchen im Moment mit Medikamenten und einer künstlichen Beatmung den Kreislauf wieder herzustellen, jedoch sieht es sehr sehr ernst aus.“ Weinkrämpfe… „Haben sie vll. Nachbarn oder Freunde/Familie, die sie erreichen könnten, damit sie jetzt nicht alleine sind?“ Es kommen mehrere Nachbarn…
Nach zwanzig Minuten ohne zeichen eines Spontankreislaufs entschließt sich Tobias zur Ultima ratio (letzten Lösung): Rescue-Lyse. Er vermutet eine Lungenembolie. 1400€ in Form von 10 ml eines Medikaments, dass Blutgerinsel auflöst, appliziert der NEF Fahrer durch den venösen Zugang. Wir reanimieren im Wechsel noch eine knappe Stunde, dann ist auch Herr Müller tot.

Tobias verlässt das Schlafzimmer um es Frau Müller zu sagen. Nach 10 Sekunden höre ich die Schreie, die ich sowohl heute schonmal gehört habe, als auch schon in vergangenen Einsätzen. Schweigend räumen wir zusammen. Ziehen Herr Müller die zerschnittenen Klamotten aus. Decken ihn zu. Ich überlege, dass Gesicht zu bedecken. Die Gesichtszüge sind wie eingebrannt… der Todeskampf um die letzten Atemzüge sind ihm anzusehen, das Gesicht mehr schwarz als blau. Ich will hier weg…

Totenschein Nummer zwei wird ausgefüllt. Beileidsbekundigungen ausgesprochen. Nachbarn trösten die Witwe, weinen selber. Der Schock und die Traurigkeit, Fassungslosigkeit, Ohnmacht sind greifbar. Ich will hier weg…

Draussen erfahre ich von Tobias, dass als ich rausging um die Trage fertig zu machen, Herr Müller nach seiner Frau rief. Sie kam und er sagte ihr mit seinen letzten Atemzügen: „Ich liebe dich. Mach´s gut…“
Ich habe Tränen in den Augen… Tobias murmelt etwas, was sich anhört wie „Scheisstag“.


Sche*** Nachtdienst….

Februar 22, 2009

Letzten Mittwoch hatte ich nochmal 12 Stunden Nachtschicht. 5 Einsätze, alle unspektakulär. Eine 3/4 Überstunde, dann beim  Tanken den PIN vergessen. Eine Stunde zu spät auf der Arbeit gewesen. Alles super…. Wand.

Morgen fahr ich nochmal 24h. Bin mal gespannt wieviele Alkoholleichen wir einsammeln dürfen (Rosenmontag!!). Der Kollege mit dem ich fahre ist Medizinstudent kurz vor´m PJ, da ist der Lernfaktor immer relativ hoch. Dumm nur, dass ich immer fahren muss, da der gute keinen LKW Führerschein hat. Ich lass mich mal überraschen, was bleibt mir auch anderes übrig…?!?!

P.S.: Ich werd mal die Digitalkamera mitnehmen und ein paar Fotos vom Corpuls3 machen. Da der ja relativ neu ist, kann den ja dem ein oder anderen interessierten Leser etwas näherbringen.


5 Einsätze…

Februar 16, 2009

… waren es gestern. Hatte nach 2 Monaten Pause gestern nochmal Dienst auf dem RTW.

Nachdem ich mich mit dem Corpuls3 etwas vertraut gemacht hatte, ging es nach dem Ausrüstungscheck in eine Reihenhaussiedlung ca. 1,5 km entfernt. Infos worum es ging hatten wir nich und die LST hielt es auch nicht für nötig uns etwas zu erzählen. Mir egal, hin müssen wir sowieso. Das NEF aus der Nachbrastadt war ebenfalls unterwegs. Hab mich erstmal tüchtig verfranst und dann war auch noch ein Poller im weg, der sich nur hartnäckig entfernen lies. Die Folge: Status 4 gleichzeitig mit dem NEF (deren Anfahrtsweg: ca. 15km). Dazu muss man auch sagen, dass die Feuerwehrpatschen deren Karren ordentlich treten, egal was für ein Notfall. Wir betreten also mit 5 Mann die Wohnung (wir hatten einen Praktikanten dabei) und wurden durch eine aufgeregte Frau in die Küche geführt. Dort saß zusammengesunken ein Mann anfang 40 auf einem Stuhl, den Kopf auf dem Tisch. Der NA übernahm den Patientenkontakt, während ich mich direkt auf die erhebung der Vitalwerte stürzte. Also Blutdruck, Pulsoxy, Puls palpieren und da er schweißig und warm war, gabs auch noch das Thermometer ins Ohr. Temperatur knapp 39°C, RR 90/60 und tachykard bei fast 110. Schwacher Puls. Der Pat. gab stärkste schmerzen im rechten Ellbogen an. Die wären wohl schon was länger vorhanden, nach dem Tennisspielen gestern wär es jedoch schlimmer geworden. Mein Tip: Bursitis (Schleimbeutelentzündung). Das selbe dachte auch der Notarzt (Anästhesist aus der Uniklinik) und wollte ne Nadel legen, während ich 2,5g Novalgin als Kurzinfusion und eine separate Infusion vorbereitete. Das reichte gegen die Schmerzen noch nicht ganz, also wünschte sich der NA auch noch etwas Dipi. Ich meldete den Pat. in der nächsten Chirurgie an und wir fuhren ohne NA weiter…

Der zweite Einsatz sollte eine Psych-Einweisung werden. 15 Jahre alter Junge mit bekanntem Waschzwang…. Taxifahrt. Ich will zur NEF Wache, der RA dort kann mich auf den C3 Einweisen, das tut er auch. Allerdings nur 5 Minuten, dann wird er mit einem Notfall konfrontiert. Es sollte die letzte Gelegenheit sein.

Der dritte Einsatz versprach uns einen „Kind mit Schere im Bauch“. Also mal Gas geben. NEF ist auch unterwegs, wir sollten dringend Rückmeldung geben. Am Telefon hätte der Disponent kaum Informationen erhalten. 3 Minuten vor Eintreffen durfte das NEF abbrechen, man habe einen weiteren Anruf erhalten, wonach es nicht so schlimm sei und man selber ins KH fahren würde. Ich wollte die 5 drücken um anzubieten, doch trotzdem mal draufzugucken, waren ja schließlich fast da. ALlerdings verfehlte ich die Taste mit der 5 und traf die 0. Das bedeutet Notruf! Ergo: Meine Flucherei durfte alle mithören, die im moment ein betriebsbereites Funkgerät in der Nähe hatte. Was soviel heisst, der ganze Rettungsdienst + Feuerwehr. Peinlich. Egal, sind ja da. Ab in die Wohnung. 2 mal 3 mm breite und tiefe „Stichwunde“ mit Nagelschere. Dumm gelaufen gespielt. Dekompensierte türkische Angehörige. Cousin, Neffe und die ganze Verwandtschaft aus Antalya auf dem Weg nach hier… Wir rückten wieder ab.

Zurück auf der Wache Papierkram, frühstücken, kurz Augenpflege betreiben. Es blieb ruhig bis…

… 18 Uhr. Der Funkmeldeempfänger piepst zum Notfalleinsatz „respiratorische Insuffizienz“. Mit Sonderrechten geht es in eine Nachbarstadt, nach 9 Minuten erreichen wir die Wohnung. Uns öffnet der Nachbar und führt uns zu seinem Freund, der augenscheinlich putzmunter auf dem Sofa sitzt. Er beklagt seit ein paar Tagen einen Lungeninfekt. Ich auskultiere die Lunge, höre ausser einem vesikulärem Atemgeräusch nix (so soll es sein), messe die Sättigung. 94%, dass ist okay. Temepratur beträgt 38,5°C. Das unterstreicht die Sypmtomatik. Jedoch werde ich stutzig, als der C3 den RR misst. 215/90. Ich messe manuell nach. Die Technik hatte recht. Also bestelle ich einen Akademiker per Telefon. Mein Kollege gibt etwas O2 über eine Maske. Ich vervollständige die Anamnese und erfahre, dass der Pat. einen IDDM (Insulinpflichtigen Diabetes) hat, also erweitere ich das 4 Kanal EKG um 6 weitere Kabel und erhalte so ein 12-Kanal EKG. Die Gefahr bei langjährig Zuckerkranken ist, dass die Symptomatik einen Koronarsyndroms (bes. die pectanginösen Beschwerden) verschleiert werden. Und da der Pat. ´98 einen Herzinfarkt hatte, gilt er als cardialer Risikopatient. Das EKG zeigt einen Sinusrhythmus und ein paar wenige ventrikuläre Extrasystolen, keine offensichtlichen ST-Streckenveränderungen. Eine Vygo lege ich am rechten Handrücken, schließe die vorbereitet Infusion an, die der Nachbar schön halten darf und messe den BZ (93 mg/dl). Ein Fläschchen Nitrolingual steht auf dem Tisch. Davon gebe ich 2 Hub unter die Zunge. Der Blutdruck dankt es mir und zieht sich auf 170 systolisch zurück Ich ziehe 50mg Urapidil auf und zusammen warten wir dann mit einem voll versorgten Patienten auf den Auftritt des Mediziners.

Der Notarzt ist der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes und freut sich über die gründliche Arbeit und wünscht sich Urapidil, was ich ihm sofort unter die Nase halte. Mitlerweile ist der Druck wieder über 200, also soll ich 10mg (2ml) Urapidil applizieren. Transport in die nächste Innere. Der NA begleitet nicht, sondern wird zu einer „Herzsache“ abkommandiert. Vorher darf ich mir noch einen Rüffel wegen des Nitrosprays abholen. Er sagt, dass ich nochmal 10mg spritzen soll, falls der Druck wieder auf Werte >200 syst. ansteigt. Ich missachte die notärztliche Anweisung und spritze nach 5 Minuten 2ml Urapidil bei einem Druck von 199. Wenn das mal keinen Ärger gibt… bähh

Wir übergeben den Patienten mit einem Druck von 160 in der INA (Innere Notaufnahme). Den Doc kenne ich, er hat bis vor einem halben Jahr in „meinem“ Krankenhaus gearbeitet, in dem ich die Krankenpflegeausbildung mache.

Um 19:30 piepst es zum nächsten Notfall. Wieder Atemnot, wieder ohne NEF. Alle NEF des Kreises rollen schon den ganzen Tag durch. Der Einsatzort ist nur einen Kilometer von der Wache entfernt. Durch Schnee und Matsch aus dem selben Material pflügen wir durch die Schneeflocken. Nach 2 Minuten erreichen wir das Ziel. Ein deutlich dyspnoeische Patienten öffnet die Tür. Sie ist deutlich aggitiert und findet Sachen wie „Portemonait, Fenster schließen, Rollos runter“ und derartiges deutlich wichtiger als die Luftnot, wegen der sie angerufen hat. Über der Lunge höre ich ubiquitäres Giemen und BRummen. Die Sättigung beträgt Werte ~85%. Also gibt es O2 auf die Nase. Einen Puls kann ich kaum tasten, doch das was ich taste, ist flott. Der Corpuls3 bestätigt das und hat wie auch zuvor eine Überraschung für uns. Frequenzen von 190-220 sind für ein 84 Jahre altes Herz ähm…, sagen wir, „ungünstig“. Die Hypertonie (170/90) trägt auch nicht wirklich zu eine Arbeitsentlastung des Herzens bei.Ich überlege kurz, einen Notarzt dazuzubestellen, erwäge aber zunächst eine andere Lösung. Ich rufe beim Doc von vorhin an, und frage nach einem freien Frauenbett mit Option für die Intensivstation. Die hat er. Also vergeuden wir keine Zeit mit weiteren Maßnahmen sondern laden ein und fahren mit Sonderrechten in die Innere. Informiert hatte ich den Arzt über die pulmonale Situation und die hohe Tachykardie. Eine Vygo wäre mir lieb gewesen, aber „Load and Go“ war die schnellste Alternative. Ein NEF hätte bei den Straßenbedingungen ewig gebraucht und das Transportziel hätte sich nicht geändert. Dumm nur, dass die Sättigung sich trotz 12L O2 weiter nur bei ~85% hält und mir ein leichtes Brodeln auffällt. Ich befürchte ein beginnendes Lungenödem, kann mir dabei aber das Giemen und Brummen nicht erklären. Normalerweise hätte ich da ein Brodeln erwartet. Die Patientin fühlt sich jedoch nicht schlechter. Nach knapp 10 Minuten sind wir in der INA und die Patientin im Bett. Es war, finde ich zumindest, die eleganteste Lösung.

Ich wünsche eine gute Nacht, während der Internist sich bei der LST abmeldet… wir haben das letzte Bett belegt. Soll mir egal sein, denn wir schlafen durch bis 6:45, dann kommt die Ablösung.


Rettungshubschrauber bläst Fahrradfahrerin um…

Februar 9, 2009

Eine Radfahrerin wurde in Villingen-Schwenningen (Baden-Württemberg) von Christoph 11 zu Fall gebracht als sie versuchte, unter dem landenden Hubschrauber noch die Straße zu überqueren. Der RTH wollte aufgrund eines Notfalleinsatzes in einem Kreuzungsbereich landen. Trotz des erkennbaren Landeanflugs überquerte die Radfahrerin unter dem Hubschrauber die Straße. Um einen Unfall zu vermeiden startete der Pilot durch, wodurch die Frau aufgrund der starken Windentwicklung stürzte und sich eine Schürfwunde am rechten Knie zuzog. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen; ein Fehlverhalten des RTH-Piloten ist nach aktuellem Ermittlungsstand nicht zu erkennen.

Quelle suedkurier.de

Absolut ohne Worte… wer so dumm ist, der gehört bestraft. Zum Glück sind die Hubschrauberpiloten durch ihre jahrelange Erfahrung so besonnen, dass aus so einer Aktion keine Katatstrophe wird! grrrr....


Neulich auf der Intensiv…

Februar 7, 2009

Anästhesie Oberarzt zu mir:

„Hörmal Krankenhausblogger, wenn ich dir die Ampulle Sufenta so in den Hintern schiebe, dann ist das doch retard, oder?“

Woow


Pechvogel – die Zweite

Februar 3, 2009

Nein, diesmal geht es nicht über den Patienten aus den letzten Beiträgen, sondern um einen aktuellen Patienten meiner Station.

Vor ca. 7 Monaten stellte sich dieser Patient (30 Jahre) wegen Bauschmerzen bei seinem Hausarzt vor. Dieser schickte ihn nach einer kurzen Untersuchung und ohne Diagnose/Therapie wieder nach Hause. Und Tatsächlich gingen die Schmerzen für 2 Tage wieder zurück, wurden dann aber am dritten Tag nach dem Arztbesuch stärker als je zuvor. Daher ging er wieder zum Arzt, diesmal zu dem Kollegen des vorherigen Arztes (Gemeinschaftsparxis), da dieser nicht da war.
Hausarzt Nummer 2 stellte sofort die Verdachtsdiagnose einer akuten Appendzitis (Blinddarmentzüdnung) und wies ihn ohne Umwege ins Krankenhaus ein. Bei uns wurde dann zügig ein Blinddarmdurchbruch diagnsotiziert und eine Notfall-OP durchgeführt. Der Darminhalt hatte sich durch den perforierten Darmabschnitt in die Bauchhähle ergossen. Der Blinddarm und entzündete Darmabschitte wurden entfernt, der Patient kam auf Intensiv. Dort entwickelte sich eine 4-Quadranten-Peritonitis (das komplette Bauchfell war quasi entzündet). Der Patient musste tracheotomiert (Luftröhrenschnitt) und künstlich beatmet werden. Ohne Katecholamine war der Kreislauf nicht mehr stabil zu halten. Es folgten mehrer erneute Operationen, um den Bauchraum zu spülen und abgestorbenes Gewebe zu entfernen. Der Bauch konnte durch die massive Schwellung der Eingeweide nicht mehr geschlossen werden, eine VAC-Pumpe wurde eingesetzt. Dabei füllt ein schwammartiges Material die Wundhöhle aus, darüber wird mit einer Art Frischhaltefolie luftdicht abgedeckt und ein Schlauch durchgesteckt, an den eine Pumpe angeschlossen wird. Darüber kann das Wundsekret abgesaugt werden und abgewartet werden, bis die Schwellung der Eingeweide zurückgeht und die Bauchdecke wieder zusammengefügt werden kann. Zusätzlich musste ein künstlicher Darmausgang angelegt werden (Anus praeter). Durch den perforierten (geplatzen) Darmabschnitt zwischen Dünn- und Dickdarm und der ausgeprägten Entzündung dieser beiden Abschnitte konnten nach Entfernen des entzündeten Darmabschnittes die Enden von Dünn- und Dickdarm nicht mehr zusammengenäht werden. Eine Anastomose (= Verbindung zweier Darmabschnitte) war also nicht möglich. Daher wurde das Ende des Dünndarms durch die Bauchdecke nach aussen geleitet. Der Dickdarm verlbieb im Bauchraum. So hat der Darm die Chance sich zu erholen, ohne das die entzündetet/geschädigten Darmabschnitte noch zusätzlich Stulgnag fördern müssen. Dieser fliesst jetz durch den gesunden Dünndarm nach aussen in einen Auffangbeitel.

Insgesammt blieb der Patient 5 Wochen lang im künstlichen Koma.

Jetzt, nach fast 7 Monaten soll der künstliche Darmausgang zurüclverlegt werden, so dass die Verdauung wieder in „physiologischer Richtung“ ablaufen kann… Ihm geht es erstaunlich gut. Psychisch hat das ganze nur wenig bis gar keine Spuren hinterlassen.