„Bist du verrückt…?“ *UPDATE*

Hallo allerseits!

Die ersten beiden Tag des Psychatrie-Einsatzes sind um und ich nutze den Feiertag, um ein wenig darüber zu berichten:

Mittwoch

Als ersten Dienst nen Spätdienst. Eigentlich nicht schlecht, man ist ausgeschlafen und aufnahmebereiter, als wenn man um kurz nach 6 Uhr in der Früh da antanzen muss. Also war ich um zehn vor eins da und stellte mich erstmal vor. Geschätze ein dutzend Hände hab ich geschüttelt, ein dutzend Namen gehört und zehn direkt wieder vergessen. Nix neues also. Insgesamt imponiert ein sehr netter Eindruck vom Pflege- und Ärzteteam. Erste Amtshandlung: Übergabe anhören. Lagebericht Frühdienst: sehr ruhig, nur eine Scheibe zu Bruch gegangen. Wer war´s? Der einzige Pat. der in der Mobilität eingeschränkt ist (durch M. Parkinson) kriegt ne Psychose, steht auf und schlägt alles kurz und klein. Naja, denke ich mir, kennste ja ausm Krankenhaus aus ;-) … Die ersten Patientennamen prägen sich ein, manche psych. Erkrankungen sind bekannt, nachfragen werde ich später. Insg. dauert es über eine Stunde bis ich zum ersten Mal auf den Flur trete, auf dem 80% der Patienten rumlaufen. Ein gewisser Respekt ist auf jeden Fall da, ich weiss das der ein oder andere Aggressionsstörungen hat, sehr empfindlich/überempfindlich/unberechenbar reagiert. Aber wer ist es? 22 Pat. sind auf Station. 15 rennen rum oder sitzen im Aufenthaltsraum, der dem „Schwesternbereich“ gegnübeliegt. Hier hat sich das bundesweite Rauchverbot übrigends nicht durchgesetzt, es stehen 2 Meter dichter Zigarettenqualm unter der Decke. Grund: Nikotinentzug + psychische Erkrankung = doof. Kann fiese Nebenwirkungen beim Pflegepersonal hervorrufen –> blaue Augen, Kratz- und Schürfwunden. Aber auch taube Ohren durch permantens Bequasseln. Das passiert aber auch so…

Ich muss dazu sagen, dass ich auf einer geschlossenen Akutstation bin. D.h. ein großteil der Pat. darf nicht raus oder hat nur Ausgang unter Begleitung. Nur verinzelt dürfen Pat. ohne Begleitung für ein bis zwei Stunden nach draussen. Am Eingang sitzt einer von uns und kontrolliert wer raus will und guckt auf einer Liste nach, wer das dann auch darf. Diese Aufgabe werde ich wohl am Wochenende übernehmen, ich hab zwei Tage Frühdienst. Vor dieser „Schleuse“ sitzen oft Pat. und reden mit- oder besser gegeneinander. Folgende Szene konnte ich dort beobachten:
Pat. 1: (im Wahnzustand) „Jesus Christus! Jesus Christus! Jesus Christus… HILF MIR!!!“
Pat.2: (guck Pat.1 schief an): „Jesus Christus? Der ist nicht hier…!“
[ "Richtig!" denke ich ]
Pat2: „Der ist in Holland!“
Pat.1 fängt an zu weinen…
[ "Falsch!" denke ich.. 8) ]

Doch es sollte noch besser kommen. Ich geh mit einer Praktikantin, die schon einen Monat da ist, den Flur entlang. Pat.3 kommt vorbei und sie fragt ihn:

Praktikantin: „Herr von Undzu, wie geht es ihnen?“
Herr von Undzu: „Scheisse, richtig scheisse…!“
Praktikantin: „Wieso das denn?“
Herr von Undzu: „Ich hab dicke Eier, was glaubst denn du??“

Alles klar, gut das wir drüber gesprochen haben…

Überwiegenden Krankheitsbilder sind schizophrene Patienten, in Kombination mit jedweder Art von Psychosen/Halluzinationen. Der Hammer ist aber Herr von Undzu, der manisch-depressiv ist. Seit 2 Tagen redet dieser arme Mann ohne Punkt und Komma, die Lippen sind total fransig, da er kaum trinkt, weil er nur redet und sich nicht über die Lippen leckt. Das was er redet, gibt im Zusammenhang keinen Sinn. Einzelne Sätze wiederum schon.  Meine Gefühle waren am ersten Tag sehr gemischt. Zumal ich nach 4 Stunden dann noch nebenbei mitbekam, das der „Aggro Pat. #1″ HIV positiv. Zudem verweigert er seine Dreifachkombination an HIV-Medis, so dass seine Viruslast bereits extrem hoch sein muss. Danke, liebes Team, dass ich das nach 4 Stunden am ersten Tag erfahre und vorher nichtsahnend mit ihm gesprochen habe. Der Arzt sagt dann so nebenbei, das dieser Pat. (Ich nenne ihn Herrn Intox, da er eine Vergiftungspsychose hat, d.h. dass alles was er sieht oder z.b. ißt, vergiftet ist) eine tickende Zeitbombe ist. Alles klar, danke, das beruhigt!

Donnerstag

Wieder was gelernt:

Dialog zwischen Herrn Plauze (der heisst so, weil er so ist, eine unerwünschte Nebenwirkung von Neuroleptika sind u.a. Gewichtszunahme) und mir.

Her Plauze: „Wissen sie wahaaaas?“
Ich: „Nein, was denn?“
Herr Plauze: „Meine Freundin ist die schönste Frau der Welt!“
Eigentlich will ich verneinen, da MEINE Freundin die schönste Frau der Welt ist aber ich will da nicht unbedingt widersprechen, sonst gibts „auffe omme“ (Platt für: „Auf´s Maul“).
Ich als: „Das glaub ich ihnen, sonst wären sie ja nicht mit ihr zusammen.“
Herr Plauze: „Und weisste warum sie die schönste ist?“
Jetzt will ichs wissen, schließlich gehts hier auch um meine Freundin, wer ist schöner?
Ich: „Nein, weiss ich nicht, sagen sie´s mir!“
Herr Plauze: „Weil ich sofort abspritze, wenn sie mir einen runterholt…“ – dreht sich um und geht.

Definition von Schönheit (Quelle Wikipedia):
Im Alltag wird als „schön“ meist etwas bezeichnet, was einen besonders angenehmen Eindruck hinterlässt: ein schöner Körper, [...] aber auch Erlebnisse wie z.B. Gestreichelt-werden.

Recht hat er also, der Herr Plauze ;-)
Aber meinen Gesichtsausdruck könnt ihr euch vorstellen… 0_o

Zum Schluss gabs noch ne „Dusche“ unter Zwang, 3 Mann waren nötig, den armen Kerl unter der Decke hervor – und ins Bad zu „komplimentieren“. Fazit: drei nasse Pflegekräfte, ein sauberer Patient der jedoch um etliche Schrammen und Schürfwunden reicher ist. Manchmal muss das sein.

Zum Abschluss des Tages gabs noch den „Spruch des Tages“:
Herr Intox zu Herr von Undzu: „Junge Junge, bist du verrückt…!“

Ich lass das mal so stehen…

Schönes verlängertes Wochenende für all die, die nicht arbeiten müssen!

*Update*
Ich möchte in keiner Weise die Patienten der Psychatrie ins Lächerliche ziehen. Die Situationen entstehen, da viele Patienten sexuell enthemmt und distanzgemindert sind….

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