Stress in der Anästhesie? Das passiert nur in 5-10% der Arbeitszeit, doch dazu später mehr…
Ich war heut schon ne viertel Stunde vor Dienstbeginn im OP und dementsprechend allein. Also erstmal wieder die OP-Säle vorbereitet: Perfusorspritzen mit Propofol aufgezogen, dazu noch Narkosemittelchen wie Relaxanzien und Notfallmedikamente wie Akrinor (steigert den Blutdruck) und Atropin (erhöht die Herzfrequenz). Von beidem hätte ich kurz vor Feierabend nichts benötigt, doch dazu, wie gesagt… später mehr
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Dann neue Beatmungsmasken + Filter an die Narkosegeräte anschließen, Infusionen fertig machen, Laryngoskopeüberprüfen (wird für die Intubation benötigt), Verbrauchsmaterial kontrollieren und ggf. auffüllen etc. . Schön piano zum wachwerden.
Heute stand viel gynäkologisches auf dem Programm: Laparoskopische Hysterektomien (Gebärmutterentfernung mit der „Schlüssellochmethode“) mit dem Chefarzt der Gyn. Ich will hier nicht groß über den Charakter mancher Chefärzte lamenteieren aber jeder der im Krankenhaus arbeitet kennt sie. Dieser ist so einer…
Alles in allem wieder ein interessanter Arbeitstag. Durfte meine erste Narkose selber einleiten. Schönes Gefühl den Patienten selber schlafen zu legen. Von mir gabs erstmal ne G18 (Größenangabe / G18 ist der Standard) Viggo in den Handrücken, daran per Drei-Wege-Hahn ne Infusion und die Perfusorspritze mit Propofol. Der Anästhesist hat präoxigeniert (Sauerstoff / O2) vorgehalten um das Blut mit mehr O2 anzureichern und ich hab erstmal 0,5 ml 1%iges Lidocain gespritzt. Das ist ein lokal schmerzbetäubendes Medikament, da das Propofol auf Grund seiner Zusammensetzung (Sojamilchbasis) Venenreizend ist und ein brennendes Gefühl im Arm des Patienten hervorruft. Da die Patientin bloß 55kg wog, gabs dann von mir 0,015mg (3 ml) Sufenta (Sehr starkes Opiat) und über den Perfusor 180 mg Propofol. Zusätzlich die restlichen 1,5 ml Lidocain. Komisches Gefühl einen Patienten quasi zu töten. Denn Narkose heisst auch Atemstillstand, und das hatte die Patientin jetzt
. Also Beatmung durch den Anästhesisten und da sie sich, wie zu erwarten war, gut beatmen ließ, spritze ich jetzt 17,5 mg Atracurium (7ml) zur Muskelrelaxierung um optimale Bedingungen für die Intubation und den Operateur zu erreichen. Fertig war meine erste eigene Narkoseeinleitung. Mitlerweile komm ich auch ganz gut mit der Dosierung bei der Einleitung zurrecht. Die nächsten Tage guck ich mir dann mal genauer an, mit welchen Medikamenten und Dosierungen die Narkose dann auch aufrecht gehalten wird. Denn: besser ist das. Blöd, wenn man aufwacht und der Chirurg den Magen in der Hand hat…
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Als letztes stand dann noch eine Sectio (Kaiserschnitt) auf dem OP-Plan. Ich hab bei der Anlage einer Peridualanästhesie assistiert und dann bei der OP zugeguckt und einem Mittelkursschüler, der seinen ersten OP Tag hatte ein wenig erklärt, da ich selber schon einige gesehen hab. Alles lief gut. Bis zum Ende. Die Gynäkologen hatten Probleme das Neugeborene fast Neugeborene aus dem Mutterleib zu kriegen. Das kann schonmal öfters passieren, jedoch dauert es meist nur einige Sekunden länger. Heute blieb es nicht bei Sekunden. Die Operateure wurden hektisch, es blutete stärker als sonst, das Kind war immer noch nicht raus. Dann kamen zwei Beinchen zum vorschein, dann ein Arm, der andere auch. Aber der Kopf blieb stecken. Jetzt waren schon einige Minuten mehr verstrichen als eigentlich tollerierbar. Aber was will man machen? Es wurde am Kind gezerrt und gezogen und ein paar Momente später war´s raus. Endlich. Da ich am Kopfende keinen Meter hinter dem OP Gebiet stand hatte ich beste Sicht. Und selbst für mich war klar, das jetzt richtig Stress aufkommen würde. Der Junge war nicht nur total leblos, ohne Muskeltonus, er gab keinen Mucks von sich. Die Hautfarbe war nicht mehr nur blitzeblau, sondern fast schon weiß, Zeichen einer massiven Sauerstoffunterversorgung. Schnell wurde abgenabelt und das jetzt Neugeborene durch die Hebamme und den Anästhesisten und mir ein paar Räume weiter in den Neugeborenenbehandlungsraum gebracht. Ich rannte hinterher. Kurze Inspektion des Jungen: Atemstillstand und eine Herzfrequenz unter aller Kanone. Reanimationspflichtig. Der Anästhesist fing an das Kind zu beatmen, der hinzugekommene Gynäkologe führte mit zwei Fingern die Herzdruckmassage durch. Hektik. Das Reanimationsteam der Intensivstation wurde angerufen. Dann nach „nur“ knapp einer Minute fing das Baby plötzlich an zu schreien. Erste Erleichterung bei den Ärzten und natürlich auch bei mir, obwohl ich nur zugeguckt habe. Das Neugeborene schon mal etwas „Anstoß“ zum Atmen brauchen war mir bekannt und habs auch oft gesehn. Aber ein wiederbelebungspflichtiges Neugeborenes noch nicht. Gegen so eine Situation sind Akrinor und Atropin (s.o.) bloß Hustensaft. Kurz zur Erklärung: durch die lange „Geburtszeit“ wurde das Kind längere Zeit nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, zusätzlich verbraucht es aber durch den enormen eingenen Stress (stellt euch mal vor, man reisst euch nach 9 Monaten im warmen, nassen Wohnzimmer raus ins grelle Licht und die Kälte mit all dem Lärm…
) sehr viel Sauerstoff. Durch den entstandenen O2-Mangel kommt er zu einer Bradykardie (langsamen Herzfrequenz). Wird dieser Mangel nicht behoben, hört das Herz ganz auf zu Schlagen und das Neugeborenen stirbt.
Nach 10 Minuten hatte sich das Kind jedoch soweit stabilisiert (SO2 von jetzt knapp 90%) , dass Entwarnung gegeben werden konnte. Der Junge ist wohl auf und mitlerweile bei den glücklichen Eltern, die von der ganzen Hektik zum Glück nix mitbekommen haben. Für mich war das genug Aufregung, gut dass ich direkt danach Feierabend hatte
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Morgen ist erstmal ein Tag Schule, ganz ohne Hektik… Mehr gibts Ende der Woche.